2006-10-17 --> http://www.resident.at/article/tilt-interview


Wer steckt hinter Tilt-Recordings? Wie lange gibt es das Label schon?
Die Idee zu einem eigenen Label entstand im Sommer 2002 durch den Input von Bad Boy Kaiza, an der Umsetzung arbeitet seit 2003 in erster Linie DJ Hektik, in Absprache mit Bad Boy Kaiza und Budoka. 2004 wurde das Label mit dem ersten Vinylrelease "offiziell".


Warum habt ihr ein eigenes Label eröffnet, welche Motivation steht hinter Tilt-Recordings?
Das Label ist ein Instrument zur Umsetzung unserer Vorstellungen auf einem weiteren Gebiet neben Mixing, Produktion, Radio und sonstigem Leben, sprich: Wir haben bestimmte Ideen, wie ein Label strukturiert sein sollte, hinsichtlich solcher Dinge wie Design, Veröffentlichungs- und Informationspolitik. All das selbst zu entscheiden und umzusetzen ist eine sowohl organisatorisch als auch kreativ reizvolle Herausforderung.


Mit wem arbeitet Tilt-Recordings zusammen, in welcher Form?
Wir machen alles komplett selbst, ausser dem Vertrieb (der läuft inzwischen über ST Holdings LTD). Bisher haben wir nur eigenes Material released, also Tunes von Budoka und amex/Kaiza. Im Laufe der Zeit wird es auch andere Artists auf Tilt-Recordings geben, zum Beispiel demnächst Pyro/Jesta (TILT005). Mit weiterem Namedropping würden wir uns aber gern erst mal zurückhalten...


Welchen Sound präsentiert das Label, was ist der Tilt-Recordings-Sound?
Tilt = (Dancefloor * Kopf)2
In Schubladen gesprochen bewegt sich das Label gemä▀ unserer Definition zwischen Techno-DNB und Neurofunk.


Könnt ihr euch vorstellen, auch Liquid-Tunes zu releasen?
Auf jeden Fall, aber nicht auf Tilt-Recordings in der Form. Das Label hat seinen ganz bestimmten musikalischen Fokus, und für einen derart anderen Stil würden wir ein weiteres Label, mindestens aber ein Sublabel gründen wollen.


Wie wichtig ist "musikalische Konsistenz/Konstanz" für Tilt-Recordings?
Sehr wichtig. Wir sind z.B. bestrebt, Tunes so zu veröffentlichen, dass ein Release jeweils "stärker" ist als der vorhergehende (aufsteigend). Eine weitere Form der Theorie-orientierten Herangehensweise findet sich in der Tune-Auswahl für die einzelnen Releases:
Auf der Logoseite (B) ein Midrange-lastiger, funktionaler Tune (Stichwort Neurofunk),
auf der Infoseite (A) ein eher trockener, perkussiver Tune (Stichwort Techno-DNB).
Und es wird nie einen Release von z.B. Dillinja oder Technical Itch auf Tilt-Recordings geben, gleichwohl wir einen Heidenrespekt für diese beiden Typen haben. Darüber hinaus ist Musiktheorie/Praxis eine sehr persönliche, auch bei uns subjektiv unterschiedliche Angelegenheit.


Ihr betreibt ja auch noch das Netlabel T-FREE. Warum die Trennung Viny- und Internetlabel?
Einerseits aus einem organisatorischen Grund: T-FREE ist ein reines Projekt der Trio-Music Crew, nur nach aussen hin das Geschwisterlabel von Tilt-Recordings zwecks synergetischer Bündelung der Kräfte. Andererseits können wir mit dem Medium mp3 im Gegensatz zu den sehr unflexiblen Medien Vinyl und CD sowohl hinsichtlich der Kosten als auch der Musikauswahl viel ungebundener agieren: Es erlaubt kürzere Intervalle und auch das Veröffentlichen von Tunes, die wir nicht unbedingt auf Vinyl pressen lassen würden, um die es aber dennoch schade wäre.


Ist dies der Grund, weshalb ihr euer Netlabel ins Leben gerufen habt? Bzw. wie kam es dazu?
T-FREE hat sich aus einem kleinen Drama wie Phönix aus der Asche entwickelt: Jemand hatte eine Kollabo von amex und Sniper namens "Electrohorse" ohne Rücksprache als 320 kbps mp3 in ein Internetforum gestellt, was wir zunächst als sehr hässlich empfanden - der Tune wäre nämlich ein Kandidat für Vinyl gewesen... Aber aufgrund des positiven Feedbacks wurde uns klar, dass wir unsere ansonsten auf der Festplatte verschimmelnden unveröffentlichten Tunes auch über freie Downloads einem sinnvollen Nutzen zuführen können. Netlabels gibt es zwar schon seit geraumer Zeit, aber für uns war das als praktischer Ansatz neu. Und da wir im Trio-Kontext in der Regel eher systematisch und strukturell an Projekte herangehen, wählten wir Tunes aus, versahen sie mit Katalognummern und Info-Textdateien, und stellten sie auf der Trio-Music-Homepage bzw. der Tilt-Recordings-Website zeitlich versetzt zum Download bereit. Wir haben also erst eine Art informelles Label mit rein interner Struktur ins Leben gerufen. Anfang 2006 wollten wir zunehmend auch andere Producer damit unterstützen. Also schufen wir einen weitergehenden konzeptionellen Rahmen, bauten eine kleine Website und erhoben T-FREE zum Netlabel. Seitdem veröffentlichen wir in etwa zweiwöchigen Abständen Tunes aus aller Herren Länder, vom Style her auch zwischen minimalem Techno-DNB und Neurofunk, also analog zu Tilt-Recordings, nur weiter gefasst und mit Aussreissern.


Wird es Tilt-Recordings auch irgendwann in digitaler Form gegen Bezahlung geben?
Ja, ist bereits in Arbeit (Trackitdown, Juno etc). Einen Teil der Releases kann man schon auf ITunes und Beatport käuflich erwerben, natürlich auch auf der Label-Homepage.


Wie steht Tilt-Recordings/T-FREE zur GEMA und zu Creative Common?
Wir lehnen die GEMA als Idee, Konzept und Organisation rundheraus ab. Deren Modelle von Copyright und "Künstlerschutz" sind völlig veraltet und für DJ-Musik abseits des Mainstream völlig ungeeignet. Wenn z.B. DJs ihre Mixes ins Internet stellen, wird das von der GEMA als "unlizensiertes zur Verfügung stellen von Musikstücken" angesehen, quasi gleichbedeutend mit "Raubkopieren". Das ist unseres Erachtens ein ganz schlechter Witz und sogar schädlich für die Szene, denn tatsächlich bedeutet es ja Promotion, wenn Tunes gespielt werden, zumindest im Drum & Bass Kontext. Dass dadurch Verkaufszahlen sinken würden, wie die GEMA argumentiert, ist glatte Volksverarsche und die Umkehrung der Fakten. Aufgrund ihrer Strukturen ist die GEMA als Organisation nicht zu grundlegenden Veränderungen fähig, also müsste man sie theoretisch abschaffen (was natürlich so einfach nicht möglich ist). Wir leisten also unseren Beitrag zur Veränderung der Situation, indem wir den global frei verfügbaren Pool GEMA-freier Tunes vergö▀ern (mit Vinyl und mp3) und dadurch versuchen, die Emanzipation der Musik von überkommenen, erzkapitalistischen Copyright-Bindungen voranzutreiben und zu unterstützen. Das Creative-Common-Modell ist dafür bestens geeignet, weil es (im Gegensatz zum GEMA-Modell) Tunes rechtlich vor Missbrauch schützt, dabei aber das Abspielen und Weitergeben nicht verbietet.


Wie findet ihr die Aussage, da▀ Drum & Bass politisch ist?
Inwieweit ist für euch Drum & Bass ein Träger und Vermittler von sozio-kulturellen Werten?
Wieweit kann ein Label darauf Einflu▀ nehmen?
Zur Beantwortung der Frage zunächst mal eine Bedeutungsdifferenzierung: In unserem kommunikativen Begriffsverständnis ist Drum & Bass zwangsläufig "politisch", da in der Szene verschiedene Meinungen gegenüberstehen. Wo sich die Szene im "politischen" Rechts-Links-Spektrum befindet ist dagegen schwierig zu erfassen. Im allgemeinen kann man wohl festhalten, dass die Szene ein Abbild der Gesellschaft ist, in der sie existiert: Tiefgehende inhaltliche Auseinandersetzung findet insgesamt nur sehr begrenzt statt. Man könnte dem z.B. entgegenhalten, dass in Internetforen allenthalben heftigst debattiert wird, aber ganz abgesehen von sehr fragwürdigen Abläufen wird diese Öffentliche Diskussion überwiegend vom Publikum und von B-Artists geführt. Der Grossteil der aktiven Artists ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad hält sich stark zurück mit konkreten Aussagen abseits von Image-Pflege und gängiger musiktheoretischer Plattitüden wie "Abwechslung", "Stilgrenzen Überwinden" etc.. Das Image der Artists bestimmt leider ihren Marktwert mit, deshalb wird diese Szene u.U. stärker von Marktmechanismen geprägt als vom freien Meinungsaustausch. Und DER zentrale Basisaspekte der Szene, nämlich die Musik "Drum & Bass", hat einen stark instrumentalen Charakter und bietet wenig Möglichkeiten, komplexe Inhalte zu transportieren. Zudem dient diese Musik vor allem als akustisches Genussmittel in einer stark hedonistischen Jugend/Konsumsubkultur, deswegen besteht auch einfach wenig "Nachfrage" nach solchen Inhalten. Einzelne Akteure versuchen zwar, kritisches Denken über ihre Musik nach aussen zu tragen (siehe "Swastika" von Amit oder "Let's Roll" von Jonny L), aber solche Tunes sind Ausnahmeerscheinungen. Trotzdem gibt es ein dünnes Geflecht von (wenig reflektierten) Wertvorstellungen, das einerseits Drum & Bass von anderen Jugendsubkulturen abgrenzt und andererseits durch die Handlungen der Akteure ständig aktualisiert wird. Mit einem Label eröffnen sich uns nun für die Mitgestaltung dieser Szene in erster Linie die gleichen zwei Ebenen wie beim Deejaying: Musikauswahl und Präsentation. Wir versuchen, das Label insgesamt so stimmig wie möglich zu strukturieren und dadurch (auf den damit verbundenen Kanälen wie DOS-Design, allgemein Kommunikation nach aussen, Musik) die Szene zu bereichern und zur Erweiterung der Diskussion zu inspirieren.


Welche Rolle spielt Tilt-Recordings für euch in der deutschen DNB-Landschaft?
Für uns selbst natürlich eine sehr wichtige - was die Szene dazu sagt bleibt abzuwarten. Von einer flächendeckenden Euphorie ist bis jetzt noch nicht viel zu spüren, aber wir bekommen durchaus positives Feedback und konstruktive Kritik von anderen Artists und Hörern.


Was hat Tilt-Recordings der deutschen Szene zu sagen?
Dreierlei:
1. Neurofunk = Clownstep = Liquid = Punk = HC = Volksmusik = Techno = Ragga = DeathMetal = Musik / Geschmack
2. (0 + Input) / Reflektion * (Postulat - Absolutheit) / Handlung = 1
3. "Tilt" schreibt sich ohne Ausrufezeichen!


Was haltet ihr von ihr (Einschätzung, wohin die Entwicklung geht, wo sie hin sollte)?
Wir sehen in erster Linie Potential und hoffen auf die weitergehende Emanzipierung der deutschen Szene von London. Alles weitere ist ziemlich offen, Spekulationen und Prophezeiungen bringen uns genausowenig weiter wie Imperative. Statt dessen gestalten wir die Szene aktiv mit, soweit es eben geht, um technoiden Drum & Bass (nicht gleichzusetzen mit Neurofunk) weiter zu etablieren. übrigens stehen wir eigentlich nicht so auf nationalstaatliche Identifikation und Einschränkung/Ausgrenzung.


Wo seht ihr Tilt-Recordings in 5 Jahren?
Hoffentlich immer noch auf Vinyl, auf jeden Fall ein Stück weiter auf dem eigenen Weg. Wir wollen sowohl zahlreiche Tunes aus eigenem Hause als auch Tunes von respektierten Produzenten veröffentlichen, und das Label als eine bedeutungsvolle Instanz im weltweiten Drum & Bass Zirkus positionieren. Es soll Transporter unsere Vor- und Einstellungen sein und weiter Raum schaffen für ganz persönliche musikalische und innere Entwicklung: Kommunikation, Reflektion, Bewusstsein; Bad Boy Kaiza und technoide Inputs auf inhaltlicher und struktureller Ebene bzw. Weiterentwicklung in anderen musikalichen Bereichen wie HipHop/Schranz/Reggae/Ragga/Dancehall; DJ Hektik und seine Strukturbildung und unnachahmliche Mixtechnik mit Cuts und Strobingeinsätzen; Budoka und seine individuelle Vereinigung von House-ästhetik und Neurofunk). Das Label steht ausserdem selbstverständlich im Kontext und in Wechselwirkung zu unsereren weiteren Projekten: T-FREE und die Radiosendung DMF (Bad Boy Kaiza, DJ Hektik), Produktion (Bad Boy Kaiza, Budoka), Veranstaltung von Parties (Budoka) und natürlich Deejaying.


Letzte und wichtigste Frage: Rund oder eckig?
In Systemfragen klar eckig, hinsichtlich Stimmigkeit bitte rund.
Moment mal... WER IST HIER DICK?


Label-Homepages
www.tilt-recordings.com
www.tilt-recordings.com/t-free